• 25. Juni 2024

Gendern im Lektorat – Stolpersteine und Empfehlungen aus der Praxis

Von Regina Müller

Gendern im Lektorat – Stolpersteine und Empfehlungen aus der Praxis

Gendern im Lektorat – Stolpersteine und Empfehlungen aus der Praxis 2560 1707 Anne Fries

Nun sagt, wie habt ihr’s mit der Genderei?

Das werden wir sinngemäß oft gefragt. Wörtlich lauten die Fragen dann eher: „Wie gendert man richtig?“ Oder sogar: „Müssen wir gendern?“

Wir als Lektorat verhalten uns neutral zu diesem Thema. Die Entscheidung für oder gegen das Gendern treffen die Unternehmen aus Werbung und Wirtschaft, deren Texte wir bearbeiten.

Was wir nach einigen Jahren intensiver Gender-Textarbeit definitiv sagen können:

Gendern ist nicht trivial, es geht nicht auf Knopfdruck und es ist im Ergebnis manches Mal gar nicht schön.

Ein paar besonders häufige Stolpersteine:

1. Feste Regeln? Fehlanzeige.

Offizielle Regeln, dass und wie in Unternehmenstexten zu gendern sei, gibt es nicht. Der Rat für deutsche Rechtschreibung spricht nach wie vor keine Empfehlung für Genderzeichen wie Sternchen oder Doppelpunkt aus. Die Folge: Jede Köchin und jeder Koch kocht ihr oder sein eigenes Süppchen. Viele stellen eigene Leitfäden auf – gar kein leichtes Unterfangen angesichts der möglichen Vielfalt aller künftigen Texte, Kontexte und Zielgruppen-Erwartungen.

Und wenn man gendern möchte, dann wie?

  • Sollen Geschlechter sichtbar werden?
  • Wenn ja: nur das männliche und das weibliche Geschlecht? Oder auch das diverse Spektrum?
  • Sollen Geschlechter unsichtbar gemacht werden?
  • Was wird im Konfliktfall geopfert: das konsequente Gendern oder die Lesbarkeit?

2. Erst schreiben, dann gendern?

Ihre Website ist noch im generischen Maskulinum geschrieben und soll eben mal nachträglich gegendert werden? Das geht oft nicht gut.

Ein Beispiel:
„Auf dem Abenteuerspielplatz des Kindergartens haben die kleinen Kletterer, Naturforscher, Kuchenbäcker und Gärtner viel Spaß.“

Dies nachträglich zu gendern, wirft einige Fragen auf: Will man wirklich das Geschlecht der kleinen Stöpsel (und Stöpselinnen?) ins Spiel bringen? Und wo hört die geforderte Sichtbarmachung der Geschlechter auf? Muss man nicht konsequenterweise genau benennen, wer hier Männlein, wer Weiblein ist? Vielleicht sind da 2 kleine Kletterer, 3 Naturforscher und 3 Naturforscherinnen, einige Kuchenbäckerinnen und nur 1 Gärtner am Werk.

Sinnvoller ist es, gleich beim Verfassen des Textes an das Thema Gendern zu denken. Vielleicht so: „Auf dem Abenteuerspielplatz des Kindergartens haben die Kleinen beim Klettern, Forschen, Kuchenbacken und Gärtnern viel Spaß.“

3. Die Krux mit den Gender-Leitfäden

Viele Unternehmen legen in Leitfäden fest, wie sie das Gendern handhaben wollen. Eigentlich eine gute Sache, aber oft bleiben auch dort Fragen offen:


Aus einem Leitfaden:

🗨️ Wir gendern mit der Doppelform (Kolleginnen und Kollegen).

Das ist gut lesbar und im Prinzip auch breit anerkannt. Allerdings können Texte dann sehr lang werden. Nehmen wir einen Bericht über einen Marathonlauf:

„Die Läuferinnen und Läufer haben sich monatelang mit ihren Trainerinnen und Trainern auf das Event vorbereitet. Hunderte von Zuschauerinnen und Zuschauern stehen am Straßenrand und feuern die Athletinnen und Athleten an. Werden sich die Favoritinnen und Favoriten durchsetzen oder werden Außenseiterinnen und Außenseiter für Überraschungen sorgen? Zahlreiche Reporterinnen und Reporter berichten …“

Seufz, der Text wird dadurch sehr lang und umständlich.


Aus einem Leitfaden:

🗨️ Wir verwenden möglichst die neutralen Partizipformen.

Das heißt: „Studierende“ statt „Studentinnen und Studenten“, „Mitarbeitende“ statt „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, „Geflüchtete“ statt „Flüchtlinge“. Die genannten Formen sind schon recht eingebürgert, aber „zu Fuß Gehende“, „Pferdehaltende“ oder „Blasende im Orchester“ wirken skurril oder ungewollt komisch.

Leute, die sich um einen Job bewerben, als „Bewerbende“ zu bezeichnen, ist ebenfalls zweifelhaft, denn das könnten ja einfach Personen sein, die ein Produkt bewerben.

Auch gibt es manchmal Bedeutungsunterschiede, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Menschen, die die Schauspielkunst als Beruf ausüben, sind „Schauspielende“. „Schauspielernde“ dagegen wären zum Beispiel Fußballspielende, die sich im Strafraum dramatisch zu Boden werfen.

Außerdem ist zu beachten, dass die Partizipform nur im Plural funktioniert. Es ist nicht sinnvoll, den „Mitarbeiter“ aus den Unternehmenstexten zu verbannen, dann aber Formulierungen zu verwenden wie: „Ein ausgewählter Mitarbeitender wird sich um Ihr Anliegen kümmern.“ Warum sollte „ein Mitarbeitender“ weniger maskulin sein als „ein Mitarbeiter“? So steht man wieder vor dem Problem, dass es „eine ausgewählte Mitarbeitende oder ein ausgewählter Mitarbeitender“ heißen müsste.


Aus einem Leitfaden:

🗨️ Wir gendern mit Sternchen.

Oder Doppelpunkt oder Gender-Gap. Das klingt knapp und simpel, kann aber zu Ungetümen führen wie: „Jede*r Ärzt*in teilt seinem*r*ihrem*r Patient*in seine*ihre Diagnose mit.“

Unverständlich. Ungrammatisch. Und was ist eigentlich ein Ärzt?

Beim lauten Vorlesen würde man vor der Endung „in“ eine Sprechpause machen, den vielverspotteten Glottisschlag. Aber wie soll das bei „jede*r“ funktionieren? „jede-r“ oder „jede-er“? Auf jeden Fall eine Zungenverrenkung.

Und sollte man zwischen den Pronomen „seine“ und „ihre“ nicht eher den Schrägstrich setzen? Oder drückt der Schrägstrich nur „männlich“ und „weiblich“ aus und vernachlässigt das „diverse“ Spektrum? Fragen über Fragen.


Meistens nicht geregelt im Leitfaden:

🗨️ Zusammensetzungen

Muss die „Mitarbeiterversammlung“ gleich immer die „Mitarbeitendenversammlung“ sein? Und wenn bei dieser über „Kundenfreundlichkeit“ gesprochen wird, müsste das dann nicht auch die „Kund*innenfreundlichkeit“ oder „Kund*innen-Freundlichkeit“ sein?

4. Mensch oder nicht Mensch?

„Die Agentur gehört zu den besten Arbeitgeber:innen der Werbebranche. Viele ihrer Kund:innen sind bedeutende Akteur:innen im Finanzwesen und Emittent:innen von Aktien. Außerdem sind einige ihrer Geschäftskund:innen Lieferant:innen für Verkäufer:innen von Baumaterial.“

Sind mit den gefetteten Begriffen wirklich Menschen gemeint? Oder doch vielmehr Unternehmen oder Institutionen, so dass das Gendern albern oder sogar falsch wäre? Oft ist beides plausibel – jedenfalls für alle, die keine tieferen Einblicke in das Geschäftsfeld haben. Nur selten ist die Entscheidung so leicht zu treffen wie im folgenden Fall:

„Unser Kunde ist der Verein ABC.“
Aber: „Unsere Kundin ist Frau Fischer vom Verein ABC.“

Unser Rat:
Gendern Sie unauffällig und flexibel

Wenn man sich dazu entscheidet zu gendern, ist es ratsam, dies möglichst unauffällig und flexibel zu tun. Manche empfehlen daher, nicht alles zu gendern, sondern nur hier und da, so dass eine Intention erkennbar ist. Das mag man so halten, es ist aber doch inkonsequent und kann beim Verständnis durchaus stören:

„Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erschienen zahlreich zum Betriebsfest. Die Kollegen amüsierten sich köstlich.“

Die große Kunst ist es, Texte so zu gendern, dass es keiner merkt.

Das bedeutet auch, dass man verschiedene Möglichkeiten gelten lässt und kreativ vorgeht. Tragen Sie sich mit dem Gedanken, einen Gender-Leitfaden zu erstellen? Dann grenzen Sie die Mittel nicht zu stark ein. So kann von Text zu Text, von Fall zu Fall entschieden werden, wie man die Sache am besten anpackt.

Gendern bleibt ein kontroverses Thema, das viele Herausforderungen mit sich bringt. Durch unauffälliges und flexibles Gendern kann man „politisch korrekte“ Texte schreiben, ohne dabei die Mehrheit des Zielpublikums zu verprellen. Sprache lebt und entwickelt sich, und vielleicht findet sich in Zukunft eine einheitlichere und breiter akzeptierte Lösung für dieses sprachliche Dilemma. Einstweilen stehen wir Ihnen jederzeit zur Seite – egal, ob Sie gendern oder entgendern wollen.

 

Foto von Alexander Grey auf Unsplash

 

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