• 10. August 2018

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte

Buchtipp von Alexandra Brundiers

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte

Inhalt

Als L. die Schriftstellerin Delphine auf einer Party kennenlernt, hat Letztere gerade einen sehr erfolgreichen Roman veröffentlicht, leidet jedoch unter der hohen Aufmerksamkeit, die ihr zuteilwird. L., die Ghostwriterin ist, wird erstaunlich schnell zur besten Freundin, erkennt Unsicherheiten und weiß zu beruhigen. Mehr und mehr mischt sie sich in Delphines Leben und vor allem in ihr Schreiben ein.

Delphine ist tief verunsichert und gerät letztendlich in eine schwere Schreibkrise, in der es ihr nicht möglich ist, auch nur die kleinste Notiz zu machen, einen Stift in der Hand zu halten oder ein Word-Dokument zu öffnen. L. beginnt, sich in der Öffentlichkeit für Delphine auszugeben, und beantwortet – zunächst unbemerkt – deren private Nachrichten. Sie gewinnt immer größere Macht über die Schriftstellerin und ihr Leben, bis diese eines Tages feststellt, dass L. ihr zusehends gleicht, und die Sache ihr unheimlich wird. Doch sie ist ganz allein mit ihr.

Nach einer Episode wie aus einem Horrorfilm (mehr wird nicht verraten) ist L. verschwunden und niemand hat sie je mit Delphine zusammen gesehen. Delphine kann L.s Existenz nicht beweisen. Dann taucht eines Tages ein Manuskript auf, das angeblich von Delphine stammt, doch sie hat es nicht geschrieben. Sie macht sich auf die Suche nach L., aber die hat alle Spuren verwischt. Keiner kennt L.

Bewertung

Der Roman ist eine Auseinandersetzung mit dem Schreiben, mit Identität sowie mit Wahrheit und Fiktion auf verschiedenen Ebenen. Schon der Titel spielt darauf an. Gibt es überhaupt „die wahre“ Geschichte? Und wer hat Anspruch darauf, sie zu erzählen? Wessen Wahrheit erfahren wir hier?

Auch innerhalb der Geschichte findet diese Auseinandersetzung statt. Auf der einen Seite steht L., die der Meinung ist, als Schriftstellerin müsse man immer auf der Suche nach der Wahrheit sein, auf der anderen Delphine, die die Fiktion verteidigt. Am Ende weiß man nicht einmal mehr, was den Romanfiguren „wirklich“ passiert ist und was nur der Fantasie Delphines entspringt. Wer schreibt hier wessen Geschichte auf?

Damit stellt sich die Frage der Autorinnenschaft wiederum auf einer höheren Ebene. Schließlich trägt die Hauptfigur den gleichen Namen wie die Verfasserin des Buches. Wer hat den Roman geschrieben, um wen geht es in der Erzählung und welche Rolle spielen wir als Leserinnen und Leser, die das alles hinterfragen und immer auf der Suche nach „der Wahrheit“ sind? Reicht es uns, dass wir einfach eine gute Geschichte lesen können, oder wollen wir wissen, was „wirklich“ dahintersteckt?

Der Roman ist vielschichtig und lässt so manche Frage offen – „Nach einer wahren Geschichte“ ist darüber hinaus auch ein wirklich wundervoll geschriebenes Buch und ein spannender Psychothriller.

Autorin

Delphine de Vigan wurde 1966 in Paris geboren, wo sie auch heute mit ihren zwei Kindern lebt. Ihren Durchbruch als Schriftstellerin hatte sie 2007 mit dem Roman „No et moi“, für den sie mehrere Literaturpreise bekam. Das Buch wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt, 2008 auch ins Deutsche. „D’après une histoire vraie“ erschien 2015 in Frankreich und wurde 2016 unter dem Titel „Nach einer wahren Geschichte“ auf Deutsch veröffentlicht. Vigan erhielt hierfür den Prix Renaudot und den Prix Goncourt des lycéens.

 

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